Die chinesische Philosophie begreift Qi als mikroskopische Materie, welche das gesamte Universum konstituiert, belebte Wesen ebenso wie alle Dinge und Erscheinungen. Man kann das Qi spüren, jedoch kann man es nicht sehen.
Wir werden mit einer bestimmten Menge an Qi geboren. Dieses Ursprungs-Qi (Yuan Qi) wird in den Nieren gespeichert und wenn es verbraucht ist, sterben wir. Mit dem letzten Atemzug wird auch das letzte Qi ausgehaucht.
Im Verständnis der chinesischen Philosophie bestand der Ursprung der Welt in einem Chaos ohne jegliche Form und Bewegung. Als diese anfängliche Ruhe ihr Maximum erreicht hatte, schlug sie um in ihr Gegenteil, in Bewegung: ihre leichten Bestandteile stiegen nach oben und formten den Himmel, ihre schweren Bestandteile sanken nach unten und formten die Erde. Das ursprüngliche Chaos teilte sich also in zwei einander entgegengesetzte Einheiten auf; die chinesische Philosophie nennt sie Yin und Yang oder Yin-Qi und Yang-Qi. Diese sind einander entgegengesetzt, jedoch immer miteinander verbunden: ohne Oben (yang) gibt es kein Unten (yin); ohne Kälte (yin) gibt es keine Wärme (yang); ohne Dunkelheit (yin) gibt es keine Helligkeit (yang). Die Sonne ist yang, der Mond ist yin; die Nacht ist yin, der Tag ist yang; der Sommer ist yang; der Winter ist yin; vorangehen ist yang, zurückweichen ist yin; die Stille ist yin, Bewegung ist yang..... Im Qigong sind es beispielsweise die Übungen zur Aufnahme des Qi von Sonne und Mond, die es ermöglichen, reines Yang-Qi und reines Yin-Qi aufzunehmen.
Wie alle Erscheinungen im Kosmos bestehen auch die Menschen aus Yin-Qi und aus Yang-Qi. Die chinesische Medizin kennt verschiedene Theorien und Modelle, um die unterschiedlichen Funktionen und Interaktionen des biologischen Qi im menschlichen Körper darzustellen. Ihre Behandlungen haben immer das Ziel, das Gleichgewicht von Yin-Qi und Yang-Qi im menschlichen Körper wieder herzustellen.
Im Verlauf der Teilung des ursprünglichen Chaos entwickelten sich nach der Aufteilung in Yin-Qi und in Yang-Qi weiter differenzierte Phänomene, die fünf Elemente, welche den fünf Farben des Qi entsprechen: grün entspricht dem Holz, rot entspricht dem Feuer, gelb entspricht der Erde, weiß entspricht dem Metall und schwarz entspricht dem Wasser. Diese Elemente beschreiben Entwicklungen und Zusammenhänge in der Natur und korrespondieren mit Vorgängen im menschlichen Körper: das Holz korrespondiert mit der Leber - das Qi der Leber ist grün; das Feuer korrespondiert mit dem Herzen - das Qi des Herzens ist rot; die Erde korrespondiert mit der Milz - das Qi der Milz ist gelb; das Metall korrespondiert mit den Lungen - das Qi der Lungen ist weiß; das Wasser korrespondiert mit den Nieren - das Qi der Nieren ist schwarz. In einer besonders reinen Form finden sich diese Arten des Qi auch in bestimmten Bäumen; im Qigong gibt es Übungen mit diesen Bäumen, welche die je entsprechenden Organe kräftigen.
Das Qi zirkuliert im menschlichen Körper in Bahnen, die man "Meridiane" nennt. Diese Bahnen ähneln den Adern, doch im Gegensatz zu diesen sind sie anatomisch nicht sichtbar. Man kann das Qi nicht sehen, doch man kann es spüren. Die Meridiane haben jeweils ihnen zugehörige Organe. Wenn man beispielsweise in der chinesischen Medizin von der "Leber" spricht, dann ist damit immer auch der gesamte Funktionskreis gemeint, nicht nur das einzelne Organ "Leber", wie in der westlichen Medizin. Das im menschlichen Körper zirkulierende Qi steht in Verbindung mit dem Qi in Natur und Kosmos. Im Verlauf der Meridiane befinden sich Punkte, die das im Inneren zirkulierende Qi mit dem Qi in Natur und Kosmos verbinden. Diese Punkte finden auch in der Akupunktur Verwendung, mit dem Ziel, über die Verbesserung der Zirkulation des Qi Krankheiten zu behandeln.
Auch im Qigong arbeitet man mit den Meridianen: sei es, dass die Handflächen zu bestimmten Punkten gehalten werden, wie im Fan Teng Gong; sei es - wie im Nei Jing Gong - durch bestimmte Fingerbewegungen, welche die in den Fingerspitzen beginnenden und endenden Meridiane aktivieren.
Unter dem Begriff "Qigong" werden Übungen verstanden, mit welchen wir das Qi im eigenen Körper stärken und entwickeln können. Alle Künste des alten China, vom Kungfu über die chinesische Medizin bis zur Kalligrafie haben erst in Verbindung mit den Möglichkeiten des Qigong ihre volle Blüte erreicht. Wenn beispielsweise ein Arzt imstande ist, das durch geeignete Qigongübungen aufgenommene Qi auf seine Patienten auszusenden, werden seine Behandlungen schneller und besser wirksam sein. Wenn ein Maler imstande ist, Qi auf sein Gemälde zu übertragen, wird die dadurch erzeugte Ausstrahlung für den Betrachter spürbar. Wer Qigong im Zusammenhang mit Kung Fu praktiziert, wird ein stärkeres Ergebnis haben und nicht nur mit Muskelkraft und Geschicklichkeit arbeiten.
Wenn wir Qigong praktizieren, nehmen wir zusätzliches Qi aus der Natur und aus dem Kosmos auf, die Zirkulation in den Meridianen wird verstärkt, energetische Blockaden können aufgelöst und ausgeleitet werden. Entsprechend dem Verständnis der chinesischen Medizin ist es ein Zeichen guter Gesundheit, wenn das Qi gut in den Meridianen zirkuliert und wenn die Organe gut damit versorgt werden.
Dies ist die Basis der verjüngenden Wirkung des Qigong, ebenso wie die seiner anderen Ergebnisse: eine gute Gesundheit ist die Grundlage sowohl für die lebensverlängernde Wirkung des Qigong als auch für die Entwicklung der latenten menschlichen Fähigkeiten, die seine Praxis ermöglicht. Viele der Perspektiven des Qigong können erst im Laufe der Zeit, im Laufe eines langen Lebens, entwickelt werden.
Bereits beim ersten Üben des Qigong können wir spüren, wie die Hände aufangen zu kribbeln, anzuschwellen, warm oder kühl zu werden. Dies sind Anzeichen dafür, dass sich die Zirkulation des Qi verstärkt. Das Qi kann man nicht sehen, aber wenn man Qigong praktiziert, kann man es spüren.
Nachdem das Qi, das wir beim Üben aufnehmen, Blockaden im Fluss der Meridiane aufgelöst und die Funktion der Organe reguliert hat, wird es in einem Bereich im Unterbauch, dem Dan Tien, gespeichert. Von da an ist es im Wesentlichen dieses zusätzliche Qi, das wir anstelle von unserem ererbten Qi verbrauchen: die Basis der Langlebigkeit. Im Daoismus heißt es, dass es möglich sei, sein Leben auf eine Art zu verlängern, bis es so lange währt wie das Leben der Erde und das Leben des Himmels. Sicherlich ist es heutzutage aber schon sehr wünschenswert, bis ins Alter einigermaßen gesund zu bleiben! So ist die Vorbeugung von Erkrankungen ebenso wie in der chinesischen Medizin auch im Qigong ein wesentliches Ziel.
Die Ziele des Qigong können sehr unterschiedlich sein, doch ist die (Wieder-)herstellung eines guten Gesundheitszustandes immer das erste Ziel und eine Voraussetzung, um weitere seiner Möglichkeiten entwickeln zu können. Wenn man im Qigong von den "latenten menschlichen Fähigkeiten" spricht, so versteht man darunter z.B. die Öffnung des dritten Auges. Dieses erlaubt es, Dinge zu sehen, die den Augen normalerweise unsichtbar sind. Die Öffnung des dritten Auges verlangt ein starkes und gut entwickeltes Qi; auch wenn es einmal geöffnet ist, bedarf es einer weiterhin guten Versorgung mit Qi, um geöffnet zu bleiben. Eine andere der "latenten Fähigkeiten" ist die Fähigkeit, Ereignisse vorherzuwissen. Wir haben viele dieser Fähigkeiten in unserer Natur, doch liegen sie normalerweise brach, weil wir nicht wissen, wie wir sie entwickeln können. Das Qigong mit seinen vielen hunderten, ja tausenden von Jahren an Erfahrung und Weiterentwicklung, gibt uns diese Möglichkeit. Doch gibt es hier eine Bedingung: man darf diese Fähigkeiten nicht suchen, sie entwickeln sich im Verlauf des Übens von alleine. Was man sucht, findet man nicht!
Will man einige der Möglichkeiten des Qigong realisieren, so ist es in jedem Fall notwendig, dass man sich nicht auf das Erlernen der Technik der Übungen beschränkt, sondern dass man diese regelmäßig und ausdauernd übt. Das ist das Minimum.
Alle, die sich für Qigong interessieren, können es erlernen. Ohne einen Meister kann man Qigong jedoch nicht erlernen, ebensowenig aus Büchern oder von Videos. Das traditionelle Qigong wird immer von Herz zu Herz übertragen.
Dao Yuan-Schule für Qigong
Steffensweg 155
28217 Bremen